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- Astronomie im Berchtesgadener Land -

Monatsthema Januar 2012: "Wann beginnt das Jahr?"

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Astronomische Uhr am Heilbronner Rathaus (von Joachim Köhler, Wikipedia)
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In jeder Nacht vom 31.12. auf den 1.1. wird bei uns mit großem Getöse das Neue Jahr eingeläutet. Böller werden abgefeuert, Feuerwerksraketen in den Himmel geschossen und wir stoßen mit Schampus auf ein gutes neues Jahr an.

Die Festlegung auf den 1. Januar als Neujahrsbeginn war aber nicht immer so und gilt auch nach wie vor in weiten Teilen der Welt nicht. Alles begann mit dem römischen Kalender, auf den unser Kalender basiert. Ursprünglich war dort der Jahresbeginn auf den 1. März festgelegt. Man merkt dies immer noch an den Monatsnamen: so bedeutet September nichts anderes als Siebter, von lateinisch "septimus". Gleiches gilt für Oktober (von lat. "octavus" für der achte), November (von lat. "nonus" für der neunte) und Dezember (von lat. "decimus" für der zehnte). Im Jahre 153 v. Chr. verlegten die Römer aus Praktikabilitätsgründen den Jahresbeginn auf den 1. Januar, dem ersten Amtstag der Konsuln. Bei den Konsuln handelte es sich um die beiden höchsten Beamten in der Römischen Republik, die jährlich vom Volk gewählt wurden und nach denen in der römischen Geschichtsschreibung auch die Jahre benannt wurden. Die Monatsnamen aber wurden beibehalten, obwohl sie ihre Zählfunktion verloren hatten.

Der 1. Januar blieb auch nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im römischen Reich 390/394 n. Chr. durch Kaiser Theodosius I. und auch noch nach Zerfall des weströmischen Reichs grundsätzlich erhalten. Insbesondere die katholische Kirche und das Papsttum verwendete stets den 1. Januar als Neujahrsbeginn. Dennoch war dieser Termin nicht unumstritten. So galt er vielen Christen als heidnisches Überbleibsel, an dem angeblich "ausschweifende Feierlichkeiten mit Essgelagen, Trinkgelagen und Opfergaben" stattgefunden haben sollen (so das evangelisch-lutherische Lexikon der Kirchengeschichte). Zudem hatte sich im Glauben der frühchristlichen Gemeinden der 6. Januar als "Tag der Erscheinung des Herrn" zum christlichen Neujahrstag entwickelt. Dieser Glaube hat gerade bei uns, in Österreich und im Alpenbereich als Volksglaube des "Hochneujahrs" überdauert. Besondere Verbreitung fand dieser Volksglaube in ganz Westeuropa seit dem 9. Jahrhundert, insbesondere in Verbindung mit der Dreikönigsverehrung. Hinzukamen altgermanische Festlichkeiten um den 6. Januar herum, die, wie in der Geschichte der Christianisierung üblich, als christliche Feste überdauerten bzw. eingebunden wurden. Auch die bei uns bekannten "Raunächte" als die zwölf Nächte zwischen dem Weihnachtsfest (25. Dezember) und dem Erscheinen des Herrn am 6. Januar dienen der Vorbereitung auf das neue Jahr und dem Schutz wie der Abwehr des eigenen Heims vor "bösen Mächten". In den Sitten und Gebräuchen des Volkes hat sich daher - gerade bei uns in der Gegend - lange Zeit der 6. Januar als Neujahrstag eingebürgert.

Überhaupt herrschte im Mittelalter ein heilloses Durcheinander. Neben dem 1. und dem 6. Januar gab es noch eine Vielzahl anderer Neujahrstage. So galt wie ursprünglich bei den Römern vor 153 v. Chr. in Russland von 988 bis zwischen 1475 und 1500 sowie in Venedig bis 1797 der 1. März als Neujahrsbeginn. Maria Verkündigung am 25. März galt wiederum in Florenz und Pisa von der Renaissance bis 1749, in Schottland bis 1600, in England bis 1752 und in manchen Teilen Deutschland bis ins 13. Jahrhundert als Neujahrsbeginn. Daneben gab es noch den 1. September im Byzantinischen Reich und in Russland zwischen Mitte des 13. Jahrhundert bis 1701, den 22. September in Frankreich während der Geltung des französischen Revolutionskalenders zwischen 1793 und 1805, den 25. Dezember in Teilen Englands und Deutschlands bis ins 16. Jahrhundert sowie in Spanien vom 14. bis ins 16. Jahrhundert oder Ostern wie in Teilen Frankreichs bis 1564. Einem Reisenden konnte es daher in Europa des Mittelalters passieren, dass an seinen Reisezielen nicht nur eine unterschiedliche Uhrzeit galt, sondern gleich ein ganz anderes Jahr als bei ihm zuhause. Erst im Jahre 1691 wurde schließlich durch Papst Innozenz XII. der Neujahrstag auf den 1. Januar verbindlich festgesetzt, was sich dann im Laufe der Zeit allmählich in ganz Europa durchsetzte. Von hier aus verbreitete es sich in der ganzen Welt. So wurde etwa auch in Japan, wenn auch erst im Jahr 1873, der Neujahrstermin auf den 1. Januar festgesetzt.

Daneben gibt es aber nach wie vor andere Neujahrstermine. So galt und gilt im Kirchenjahr nach wie vor ein gänzlich anderer Zeitrahmen. Traditionell beginnt hier das liturgische Jahr mit dem 1. Advent. Auch gibt es noch einige andere Varianten, etwa den Annunciations- oder den Paschalstil. Darüber hinaus beginnt bei den Orthodoxen das zivile Jahr nach dem bei uns gültigen gregorianischen Kalender (vgl. Monatsthema März 2008 "Astronomie und Kalender") am 14. Januar, was aber nach julianischem Kalender dem 1. Januar entspricht. Das kirchliche orthodoxe Neujahr wiederum beginnt erst am 14. September.

In manchen Teilen der Welt gibt es noch ein anderes Neujahrsdatum. Nach dem Bahai-Kalender beginnt das Jahr normalerweise am 21. März, an Schaltjahren aber bereits am 20. März und wird als Nouruz im Iran, in der Schwarzmeerregion, im Kaukasus, in Zentralasien und auch im Kosovo gefeiert. In Thailand wiederum wird vom 13. bis 15 April das Songkranfest als traditionelles Neujahr gefeiert. Am 11. September ist für die Kopten und in Äthiopien das Neujahrsfest.

In China gilt zwar seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie bei uns der gregorianische Kalender, das chinesische Neujahrsfest aber ist aber nach wie vor der wichtigste Feiertag. Dieser liegt aber aufgrund der Kalenderumstellung nicht mehr am Jahresanfang. Der traditionelle chinesische Kalender ist nämlich ein Lunisolarkalender, wodurch der Feiertag stets auf einen anderen Tag fällt. Der Lunisolarkalender besteht wie unser Kalender aus 12 Monaten, allerdings handelt es sich hierbei um Mondmonate, die nur jeweils 29 Tage lang sind. Zur Annäherung an das Sonnenjahr wird knapp alle drei Jahre ein weiterer Monat eingefügt. Das Mondneujahr, wie das chinesische Neujahr ursprünglich heißt, findet grundsätzlich jeden zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende, also zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar statt. Wurde zuvor ein Schaltmonat eingefügt, so kann sich der Termin auf den dritten Neumond nach der Wintersonnenwende verschieben. In diesem Jahr findet das Fest am 23.1.2012 statt.

Im Judentum wird als Neujahrsfest das Rosch ha-Schana gefeiert. Dieses fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach unserem gregorianischen Kalender in den September oder in die erste Hälfte des Oktobers fällt. Wie beim traditionellen chinesischen Kalender handelt es sich auch beim jüdischen um einen Lunisolarkalender mit 12 Mondmonaten von 29 bis 30 Tagen und einem etwa alle drei Jahre eingefügten Schaltmonat. Damit wurde im Judentum und im traditionellen China der Kalender beibehalten, den auch die Römer bis zur Julianischen Kalenderreform im Jahre 45 v. Chr. verwendet hatten. Im Jahr 2012 wird das Rosch ha-Schana am 17. September gefeiert. Aus dem Jüdischen leitet sich wahrscheinlich auch unser Silvestergruß "Guter Rutsch" als Verballhornung des hebräischen "Rosch ha-Schana tov", was soviel wie "Gutes Neujahr" bedeutet, her.

In der islamischen Welt wird dagegen wie bei uns der gregorianische Kalender verwendet. Der islamische Kalender wird nur noch in einigen islamischen Ländern zu religiösen Zwecken verwendet und ist ein reiner Mondkalender. Nachdem dieser ca. 13 Tage kürzer ist und Schaltmonate nicht eingefügt werden, wandert der Neujahrstermin ganz erheblich gegenüber unserem Kalender. Etwa alle 28 Jahre kommt es dadurch sogar dazu, dass zwei muslimische Neujahre in ein Kalenderjahr fallen. Die Jahreszählung beginnt hierbei seit dem Jahr der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds aus Mekka.

"Das" Neujahr gab und gibt es also eigentlich gar nicht, vielmehr hat jede Kultur in ihrer Zeit ein eigenes Neujahrsfest. Die meisten davon sind mehr oder weniger willkürlich gewählt und haben nur insoweit Bezug zu astronomischen Ereignissen, als bestimmte Sonnenpositionen wie Wintersonnenwende oder Mondphasen wie etwa Neumond von Bedeutung sind. Als weltweites Fest hat sich aber in unserer Zeit nur ein Datum durchgesetzt: der auf die Römer zurückgehende 1. Januar.

Stefan Poller


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Otto J. Pilzer, 2012-01-01